Das letzte Mittel

Seine rechte Hand gleitet in seine Hosentasche und befühlt die Münzen. Wieder prüft er, ob er sich geirrt hat, ob er nicht doch einen Schein ertastet, den er zu mehr Geld machen kann. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn, die Hände sind kalt. Er wird keine Scheine bekommen, nicht am Automaten, 
nicht einfach so. 

Seine Hände umschließen sein Schnapsglas, der Alkohol wärmt von innen. Um ihn herum sitzen 20 Promille, kein Sonnenlicht dringt in die Bar, hier wird alles verschluckt. Er muss hier raus. Einen Unterschied machen. Diesmal wird er gewinnen. Er legt die Münzen auf den Tresen, geht zu seinem Auto, seine Schritte federn, nichts hält ihn. 

Der Motor startet, die Zigarette glüht, der Fahrtwind trocknet seinen Nacken. Eine rote Ampel unterbricht ihn, dann Fuß aufs Gas, der Innenspiegel klappert. Nur noch dieses eine Mal. Bremsen, einparken, eine Tür schlägt zu. Dann endlich ein besseres Leben.

Unter der Haut –

Auszug aus Kurzgeschichte

Der Ring. Der Ring ist mir bisher nicht aufgefallen, ich hab nicht auf seine Hände geachtet. Jetzt sehe ich ihn. Gold. Wir sind gerade aus dem Auto ausgestiegen, stehen auf dem Parkplatz vorm Haus und mein Vater wiederholt diesen Satz: „Guck mal, ich habe geheiratet.“ Er spricht, wedelt mit der Hand und wartet auf meine Antwort. Ich hole Luft, öffne den Mund, nichts kommt raus. „Deine Mutter hat sich geweigert, es dir zu sagen“, legt er nach. Mein Rücken kribbelt, es sticht überall. Ich habe keine Worte mehr, alles rauscht, meine Ohren dröhnen. Mein Vater holt meine Sachen aus dem Kofferraum, geht zum Haus – er prüft nicht mal, ob ich ihm folge. 

In der Tür wartet eine strahlende Heike. Sie sieht meinen Vater an. „Hast du es ihm gesagt?“ Mein Vater antwortet ja, schiebt sich an ihr vorbei und Heike umarmt mich. Ich stehe in ihrer Umarmung und sehe Stefan, der fröhlicher guckt als sonst. Mein Vater trägt meinen Rucksack ins Gästezimmer, ich will meine Jacke am Kleiderbügel aufhängen und alles fällt mir aus den Händen, weil Stefan fragt, ob wir jetzt das Hochzeitsvideo kucken. Mein Vater, Heike und Stefan gehen ins Wohnzimmer, ich hänge die Sachen auf, folge ihnen, sehe sie auf dem Sofa sitzen und lasse mich auf einen Stuhl am Esstisch fallen. Ich schaue ihnen beim Familien-Sein zu und endlich fällt mir Anne wieder ein. Aus meiner Hosentasche hole ich das Handy, tippe „Hammer News“, klicke senden, schreibe „ruf mich bitte sofort an“ und stecke es wieder weg. Ringringring. Ich verschwinde mit dem Handy in das Gästezimmer, sage „geheiratet“, sage „alle wussten das“, muss Schlucken, meine Stimme wird höher, ich breche ab. 

„Ach du Scheiße, Jonas“, sagt Anne. „Das geht gar nicht. Ich hol dich ab, mein Vater fährt mich bestimmt.“ 

„Und kaum steh ich in der Tür, faselt Stefan was von Hochzeitsvideo und alle setzten sich hübsch aufs Sofa.“ 

„In einer Stunde sind wir da und holen dich da raus.“ 

Wir legen auf und ich weiß nicht, wohin mit mir. Es klopft. Irene steckt den Kopf durch die Tür. 

„Wir essen jetzt“, sagt sie und macht die Tür wieder zu. Ich gehe ihr hinterher, vor dem Esstisch bleiben wir stehen. Mein Vater und Stefan sitzen schon bereit. Heike fängt an, allen aufzufüllen. 

„Ich hab keinen Hunger“, sage ich. 

„Es gibt Spaghetti Bolognese. Das ist doch dein Lieblingsessen.“ Heike lächelt mir zu. 

„Ich esse kein Fleisch mehr“, sage ich und rühre meinen Teller nicht an. 

„Jonas, komm. Du isst sogar die Salami aus der Packung. Hier, iss“, sagt mein Vater und schiebt meinen Teller vor den leeren Stuhl. 

„Als wüsstest du, was ich gerne esse!“, sage ich und meine Stimme wird lauter. 

„Heike hat das extra für dich gekocht.“ 

„Das macht doch nichts, Herbert. Jonas, du kannst die Nudeln auch so essen. Du magst doch Ketchup?“, fragt Heike, steht auf und verschwindet in der Küche. Stefan dreht weiter seine Nudeln auf die Gabel. Mein Vater hat aufgehört zu essen. 

„Das hättest du mir ja wohl mal sagen können“, sagt mein Vater. 

„Entschuldige, dass ich dich nicht sofort angerufen habe, als ich beschlossen habe, kein Fleisch mehr zu essen! “ Ich schreie. Heike ist noch immer in der Küche und sucht den Ketchup. Mein Vater sagt nichts. 

„Wo du mich schließlich in jede wichtige Entscheidung deines Lebens einbeziehst!“ Ich schreie weiter und mein Vater starrt in seine Nudeln. 

„Kann ich Lukas Portion haben?“ fragt Stefan. 

„Du kannst alles haben, verdammte Scheiße! Auch dieses Arsch von Arschlochvater!“ Ich schmeiße meinen Fleischteller in Stefans Richtung und die Nudeln fliegen durch den Raum und kleben sich überall hin. 

 

Anne stellt keine Fragen. Wir sitzen im Auto ihres Vaters, nebeneinander. wieder Fensterstarren. Mein Atem wird ruhiger. Jetzt legt Anne meinen Kopf auf ihre Schulter, schiebt ihre Hand in meine. Das hilft. Wir lauschen dem Rauschen. Weißes Haar, das nach Glasreiniger riecht, hängt auf meinem Gesicht. Ich will mit zu Anne, aber ihr Vater setzt mich zu Hause ab. Die beiden müssen noch die Zimmer putzen, morgen kommt eine Reisegruppe. Anne küsst mich zum Abschied, sagt „bis später“ und ihr Vater nickt mir zu. Ich muss nur zwei Stunden rumkriegen.  

Ich schließe die Wohnungstür auf und sehe meine Mutter. Sie sitzt rauchend in der Essecke. Jeden Tag sitzt sie so da und zerdenkt den Tag. Ich stelle meine Tasche ab. 

„Hat er es dir endlich erzählt? Ich fand es ja das Letzte, dass er dich nicht eingeladen hat.“ 

Das Kribbeln geht wieder los. Der Mund meiner Mutter bewegt sich weiter, aber ich höre nichts. Ich greife meine Tasche und bin raus. 

 

Ich trete in die Pedale, brülle einen Mann mit Hund aus dem Weg, fahre weiter im Stehen – der Satz geht nicht weg. „Guck mal, ich habe geheiratet“, tönt es in Dauerschleife in meinem Kopf. Ich strample dagegen an. Den Feldweg hoch, am Wald vorbei, rattere über das Kopfsteinpflaster, stehe endlich auf der Brücke. Unter mir rauschen die Autos auf der A25. Ich bin allein. DU ARSCHLOCH! schreie ich. Man kann hier gut schreien, hier hört einen keiner. Ich will weiter brüllen, aber die Worte bleiben stecken. Mit der Unterseite meines Pullis wische ich mir Rotze aus dem Gesicht. Als Kind stand ich oft auf dieser Brücke, auf Zehenspitzen und Ausschau haltend nach dem Auto meines Vaters. Zehn Jahre ist die Scheidung jetzt her. 

 

Ich gleite auf den Boden, Rücken an der Mauer, der Beton ist scheißekalt. Das Rauschen der Autos übertönt das Dröhnen in meinen Ohren. Anne soll kommen. Aus meinem Rucksack hole ich das Handy, tippe „Wann kommste?“ 

„Biste zur Brücke? Brauche noch eine Stunde.“ 

So ne Scheiße. 

„Gut“, tippe ich. 

SO EINE SCHEISSE brülle ich den Autos entgegen. Sehen aus wie Spielzeuge. Meine Zähne knacken. 

 

Ich wollte meinem Vater heute von Anne erzählen, verdammt. Und was macht der Typ? Hält mir seine Hand hin, wedelt mit dem Finger und sagt diesen Satz. Dingding. Wieder Handy. Mein Vater hat was geschickt. Der sitzt bestimmt in seiner heilen Familienscheiße. Lese „Großer“, lese „Hochzeitsvideo“, lese „schade“. Schiebe das Handy zurück in die Hosentasche. Ich muss mich hinstellen. Beschissene drei Wochen ist diese kack Hochzeit her. Alle wussten das. ALLE! WUSSTEN! DAS! 

 

‚Guck mal, ich hab geheiratet’, so ein mieser Satz. Wie in einem scheiß Film. Ich will diesen kack Satz nicht mehr hören, krame meinen Zeichenblock aus dem Rucksack, konzentriere mich auf das Rauschen unter mir, male gegen die Worte in meinem Kopf an. Aus Linien werden Risse, immer mehr, immer tiefer. Wenn ich so weiter mache, sind bald auch meine Entwürfe für die Kunsthochschule hin, aber da scheiß ich jetzt drauf. Mein Zeichenblock liegt in Fetzen vor mir, in meinen Ohren pocht es. Mein Vater malt auch. Als ich ihm vor Jahren ein Bild von mir geschenkt habe, hat er es erst verbessert und dann im Schrebergarten aufgehängt. 

 

Mit beiden Händen reiße ich den Rucksack in die Luft, donnere ihn wieder und wieder auf den Betonboden und kicke ihn weg. Wieder Rotz und Wasser. 

„Jonas?“ Anne ist da. Sie guckt, wie man eben guckt, wenn man sich erschrickt, oder einem jemand Leid tut. Das geht gar nicht. Ich sammle mich. Pokerface. Kann ich. Kriegen meine Eltern nur von mir zu sehen. Meine Lippen formen ein Lächeln. Jule kommt näher, sie drückt mich an sich. Ich löse mich, sage: 

„Schau dir diese krasse Scheiße an“. Klick, das Hochzeitsvideo geht los. Ich sage ihr nicht, dass ich es auch zum ersten Mal sehe. Mein Vater trägt einen schwarzen Anzug, Irene ein weißes Kostüm, mein neuer Stiefbruder die Ringe. 

„Woher hast du das?“ 

„Hat er mir eben geschickt.“ 

„Stefan?!“ 

„Mein Vater“. 

Vier Minuten und 35 Sekunden später ist es vorbei. Meine Hände zittern. 

„Das war ne richtige Hochzeit, verdammt. So mit Kirche und allem.“ 

„Komm, lass’ zum Getränke-Center“, sagt Anne. 

 

Ich tigere über die Brücke zu meinem Fahrrad, schiebe es zwei Schritte und ramme mir die Pedale in die Wade. Verdammte Scheiße. Mit gefletschten Zähnen reiße ich das Fahrrad hoch, das mein Vater mir zum 16. Geburtstag geschenkt hat. Der Satz ist immer noch da. Ein Ring aus Gold. Mein Blick geht zu Boden. Jemand hat Betonsteine neben der Brücke gestapelt. Die sind gar nicht so schwer, ich kann einen mit beiden Händen anheben und auf die Brücke schmeißen. Ich renne dem Stein hinterher, hebe ihn auf und werfe ihn über die Brücke. Hinter mit schreit Anne, unter mir quietschen Reifen, es scheppert. Der Satz ist endlich weg. Das Rauschen hört auf. 

I. WUT II. ANGST III. TRAURIGKEIT

I. Sinatra singt. Der Scheißkerl hat sich Sinatra angemacht, ich rieche seine Zigarre durch die Tür und höre ihn näher kommen. Der Schlüssel dreht sich im Schloss und ich warte auf den Lichtstrahl. Die Dunkelheit bleibt. Metall schleift über den Boden, erst jetzt verstehe ich, dass er nicht meine Tür aufgeschossen hat. Ich springe von meiner Isomatte auf, kratze und hämmere gegen die Tür, brülle, dass er sie in Ruhe lassen soll. In diesem Raum ist nichts außer der Isomatte und mir. Ich schmeiße mich gegen die Tür, doch es knackt nur in mir. Sinatra setzt zu "My Way" an, ich weiß, dass er jetzt den Angelhaken aus seiner Hemdtasche zieht. Ich nehme Anlauf, krache wieder in die Tür. Meine Knie gehen zu Boden. Sie muss noch drei Minuten durchhalten. Ich falle über meine Isomatte her, reiße sie in Fetzen, meine Schreie werden zu einem Wimmern, Trännen rinnen über mein Gesicht. Sinatra verstummt nicht.

II. Ich starre zur Tür und höre die Schritte. Sinatra singt, ich kann kaum atmen und ersticke fast an meinem Weinen. Meine Arme umklammern meine Beine, Erbrochenes rinnt zu meinen Füßen. Er öffnet die Tür, an seiner Hose klebt Blut. Ich kann mich nicht verstecken. Das Pfeifen in meinen Ohren übertönt Sinatra.

III. Die Stille hält an. Ich habe mir die Fetzen meiner Isomatte in die Ohren gestopft und der Tür den Rücken zugedreht. Ich will nicht hören, wie den Schlüssel rumdreht. Ich will nie wieder etwas hören. Der Schlaf soll kommen, noch lieber der Tod. Die Dunkelheit umschließt mich. Ich spüre einen Luftzug am Rücken. Er hat gesagt, er wird mich nicht umbringen. Aus meinen Augen läufen Tränen, die Stille hört auf.